Carl Christian Engelhardt und UX-Writing
Gestartet sind wir mit Christian in sein Herzensthema UX-Writing. Oder wie Christian es ausgedrückt hat: „Klare Worte – klare Wege“. Um zu verstehen, was UX-Writing eigentlich ist, hat uns Chrisitan ein Bild mitgebracht: Ein Papiercontainer, bei dem sehr viele Kartons davorliegen. Auf dem Container ein selbstgemachtes Schild: „Kartons nur zerkleinert einwerfen.“ So gesehen ist es absolut richtig, dass die nicht zerkleinerten Kartons VOR dem Container gelagert werden. Das war aber nicht die Absicht. Eigentlich möchte man ja alle Kartons IM Container haben. Besser wäre also ein Schild mit „Kartons erst zerkleinern, dann einwerfen“
Bei UX Writing fragt man sich also zuerst, welches Ziel man mit dem Text erreichen möchte.
Was ist UX-Writing?
UX-Writing ist eine besondere Form des Schreibens. Sie nutzt man besonders für digitale Benutzeroberflächen, also beispielsweise bei Apps oder Webseiten. Aber wenn man einmal damit anfängt, dann fallen einem missverständliche Texte überall auf – zum Beispiel bei Papiercontainern!
UX-Writing möchte die Nutzenden störungsfrei durch einen digitalen Prozess führen. Ein klassisches Beispiel sind Onlineshops: Hat der Kunde am Ende bestellt oder hat er den Vorgang abgebrochen, weil er durch den Button „Jetzt zaubern“ verwirrt war? Er wollte ja kaufen, aber zaubern??? Die Kunst besteht darin, verständlich zu bleiben und gleichzeitig die Markenidentität des Unternehmens beizubehalten.
Welche Bereiche können alle unter UX-Writing fallen?
Christian schaut sich bei seiner Arbeit alle möglichen Texte an. Das können kurze Texte auf Buttons oder Texte im Menü einer Webseite sein. Es können aber auch Hilfetexte sein wie Tutorials oder FAQs.
Grundsätzlich sorgt Christian mit seiner Arbeit dafür, dass Besucher*innen sich bei den digitalen Anwendungen wohlfühlen und ans Ziel kommen. Seine Arbeit hat dadurch einen ganz praktischen Nutzen für das Unternehmen: Wer einfach ans Ziel kommt, kauft und empfiehlt das Angebot weiter. Christians Arbeit führt zu mehr Umsatz und mehr zufriedenen Kunden. Auch der Support ist entlastet, da Kunden weniger Fragen haben und selbständig handeln können. Auch hier gewinnen Unternehmen indirekt bares Geld, da sich der Support um andere Dinge kümmern kann. Da möchte man Christian, auch bekannt als der „Fragenverhinderer“, am besten gleich kontaktieren. Denn wer hat schon „Geld auf der Straße rumliegen“?
Wer mehr über den Nutzen von UX-Writing wissen will, dem empfiehlt Christian das Whitepaper von Breuninger: Inside UX Writing – das Whitepaper
Welche Regeln gelten für UX-Writing?
Christian gibt uns einfache erste Regeln des Arbeitskreises UX-Writing der German UPA mit, die unsere Texte noch besser machen:
- Unser Text ist nützlich: Nutzende können durch unseren Text ihre Aufgabe besser erledigen.
- Unser Text ist verständlich: Wir nutzen nur Wörter und Formulierungen, die unsere Zielgruppe kennt.
- Unser Text ist kurz und treffend: Nutzende können durch unseren Text ihre Aufgabe besser erledigen.
- Unser Text ist strukturiert: Praktisch kann das heißen, dass wir mit mehreren kurzen Abschnitten arbeiten oder Zwischenüberschriften verwenden.
- Unser Text ist empathisch: Oft denken wir nur daran, welche Information uns wichtig ist. Einem Nutzendem hilft die Fehlermeldung „Fehler 505“ überhaupt nicht. Was würden wir selbst in so einer Situation gerne lesen wollen? Wir fühlen uns bei unseren Texten in die Nutzenden hinein, geben ihnen Sicherheit und dass sie sich verstanden fühlen.
- Unser Text ist markenkonform: IKEA steht für als Marke dafür ein, dass die Kund*innen in der Lage sind, Dinge selbst zu erledigen. Einen Schrank kann man einfach selbst aufbauen. Und darum sind auch die Texte von IKEA einfach verständlich und nahbar. UX-Texte sind es genauso.
- Unser Text ist einheitlich: Das heißt für dich, dass der Button auf jeder Unterseite zum gleichen Download auch überall gleich heißt. Nennst du ihn jedes Mal anders, weil du kreativ sein möchtest, verwirrst du deine Lesenden. Denn diese vermuten durch die unterschiedlichen Formulierungen auch unterschiedliche Downloads.
- Unser Text ist fehlerfrei.
Wieso ist UX-Writing relevant für Barrierefreiheit?
Nehmen wir die letzte Regel für UX-Writing: fehlerfreier Text. Das macht es Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche viel leichter, den Text zu verstehen. Auch wenn der Text mit einem Screenreader vorgelesen wird, ist er viel verständlicher. Geübte Lesende lesen falsch geschriebene Worte vielleicht automatisch richtig. Das Gehirn korrigiert den Fehler. Allen anderen fällt der Text hingegen schwer.
UX-Writing fließt auch in die Tastaturbedienung ein. Alle Texte von Labeln, Buttons oder Fehlermeldungen und auch die Fokus-Reihenfolge müssen verständlich und eindeutig sein.
Menschen mit Sehschwäche lassen sich ihren Text oft vergrößern. In der Vergrößerung muss eine Webseite genauso gut lesbar sein (responsive design). Hier kann gutes UX-Writing unterstützen, indem grundsätzlich kurz und klar geschrieben wird. Das hilft nicht nur bei Überschriften, sondern auch bei Buttons und Links. Wer diese per Sprache ansteuern muss, profitiert sehr davon, wenn sie kurz und eindeutig benannt sind.
Bitte macht aber nicht den Fehler, dass ihr nun viele Links einfach mit „weiter“ benennt. Stellt euch einen Screenreader-Nutzenden vor, der von Link zu Link über die Tastatursteuerung springt und der nur „weiter“, „weiter“ und „weiter“ hört. Hier schreibt ihrbeispielsweise besser konkret „Zur Zahlungsübersicht“.
5-Schritte-Test
Wenn wir also unsicher sind, ob wir alle Tipps von Christian gut umgesetzt haben und testen wollen, wie verständlich unsere Texte denn nun sind, dann können wir den folgenden 5-Schritte-Test machen:
Wir testen unsere Texte in diesen 5 Situationen:
- Ohne Maus
- Mit 200% Zoom
- Mit schlechtem Kontrast (Lest dazu gern auch meinen Beitrag zu Vickys Besuch im Januar zu Kontrasten. Sie empfiehlt hier auch Tools.)
- Mit geringer Aufmerksamkeit
- Mit Vorlesehilfe
Wenn ihr nicht wisst, wie ihr die Webseite mit geringer Aufmerksamkeit testen sollt: schaut nebenbei einen Film, ladet euch die Nachbarskinder ein oder hört einen spannenden Fantasy-Roman. Wie viel vom Text bekommt ihr noch mit?
Christians Handout
Wenn ihr noch einmal in Christians Präsentation stöbern möchtet, dann findet ihr sie hier:
Christian hat uns ein sehr spannendes Thema mitgebracht und ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass man Texte nach Berührung mit UX-Writing immer anders wahrnimmt. Fast tut es mir ein bisschen leid, dass ihr nun auch eine kleine UX-Brille habt. Aber nur fast!
Raphael Schrauth „Assistive Technologien im Unterricht“
Raphael ist angehender Lehrer im Bereich Sonderpädagogik mit Schwerpunkt Körperbehinderung. Zum Einstieg hat er uns aufgefordert, ihm eine Nachricht in den Chat zu schreiben, ohne unsere Hände zu benutzen. Das hat bei mir zu vielen Lachern gesorgt, als ich mit Mund und Stift versucht habe, die richtigen Tasten auf meiner Tastatur zu erwischen. Eleganter wäre vielleicht eine Diktierfunktion gewesen. Und so sind wir gleich praktisch in Raphaels Thema eingestiegen: assistive Technik.
Da jeder Mensch anders ist, müssen wir herausfinden, welche Technik für eine Person am besten geeignet ist. Dafür kann man SETT nutzen.
SETT: Welche Technik brauche ich eigentlich?
SETT steht für folgende Abkürzungen:
- S: Stärken
Was kann die Person kann? Wenn sie ihre Augen gut nutzen kann, kann sie darüber etwas steuern? Wenn sie motorisch sehr gut ist, kann die Person mit der Hand etwas nutzen? - E: Environment – Umgebung
Wie ist die Umgebung gestaltet und was ist in ihr realisierbar? Welches Material ist im Klassenraum vorhanden und kann gut und kosteneffizient genutzt werden? Eine Lösung, die an einen 3D-Drucker gekoppelt ist, nutzt nichts, wenn kein entsprechender Drucker zur Verfügung steht. - T: Tasks
Welche Aufgaben werden an das Kind gestellt? Was soll es fähig sein zu tun? Feedback kann beispielsweise auf viele Arten gegeben werden: mündlich, schriftlich (Auf Papier, elektronisch), mit einem Bild, mit Zeichen …
Welche Aufgabe soll das Kind selbständig und erfolgreich erledigen können? - T: Tools
Welches Hilfsmittel ist am besten geeignet? Hier unterscheidet man verschiedene Stufen. Die einfachste Stufe könnten einfach Karten sein, die genutzt werden. Sie funktionieren immer und benötigen keinen Strom. Ein Hilfsmittel der mittleren Stufe könnte ein Taschenrechner sein. Ein Tablet oder Computer wäre ein High-Tech-Hilfsmittel. Wenn für die Aufgabe aber beispielsweise ein Internetzugang Voraussetzung ist und das Kind diesen nur eingeschränkt hat, dann ist das Hilfsmittel vielleicht keine gute Wahl.
SETT versucht also, diese vier Bereiche rund um das Kind zu berücksichtigen, um das optimale Hilfsmittel zu finden.
Anders kommunizieren
Raphael hat uns einige Videos auf Youtube mitgebracht, damit wir sehen, wie Unterricht und Kommunikation auch anders möglich ist.
So macht Liam seine Hausaufgaben an seinem Computer mit Augensteuerung. Er macht die gleichen Aufgaben wie seine Klassenkameraden. Der einzige Unterschied liegt im Wie.
Das Video über Liam kann ich euch sehr empfehlen:
Was mir selbst nicht bewusst war, dass auch viele Menschen mit motorischen Einschränkungen einen Talker benutzen, da die motorische Einschränkung auch die Sprache beeinträchtigen kann. Wie viele denken wie ich bei motorischer Einschränkung an Arme oder Beine?
Ein Video von mir (nicht von Raphael) zum Einsatz von Talker findet ihr hier: Niklas spricht mit dem Talker
Niklas ist kein Schüler mehr, aber das Video zeigt deutlich, dass Niklas sich über sein Hilfsmittel genauso gut ausdrücken kann wie jede andere Person.
Ein Talker ermöglicht vielen Menschen einen Austausch in beide Richtungen. Es geht nicht nur darum, Menschen mit Behinderung zu bewegen und zu belehren. Mit einem Talker bewegt und lehrt ein Menschen mit Behinderung Menschen ohne Behinderung. Und das macht den Talker so wertvoll.
Raphael hat uns noch ein weiteres Beispiel mitgebracht, wie Unterricht anders gestaltet werden kann. Linus kann am Unterricht vor Ort nicht teilnehmen. Früher musste er versuchen, sich den Stoff im Home-Schooling zu erarbeiten. Nun hat er eine andere Möglichkeit: Er ist über einen Avatar im Klassenzimmer dabei und kann zusammen mit seinen Mitschüler*innen den Unterricht erleben und sich mit seinem Lehrer austauschen.
Auch dieses Video möchte ich euch unbedingt empfehlen: Linus ist über einen Avatar im Unterricht dabei
Unterricht kann also ganz anders gestaltet werden. Raphael hat im Vorgespräch betont, was ihm an diesen assistiven Technologien so wichtig ist:
Assistive Technologien im Bildungalltag bedeuten: Kinder mit unterschiedlichen Potenzialen erhalten über technische Hilfsmittel einen möglichst selbstständigen Zugang zum Unterricht – und damit die Chance, am gleichen Lerngegenstand wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler mitzuwirken.
Wer mehr darüber wissen möchte, wie mit Spiel und Technik Unterrichtsinhalte auch anders vermittelt werden können, dem empfiehlt Raphael Minecraft education. Von Microsoft gibt es eine Version für Schulen mit verschiedenen Lernschwerpunkten. In den verschiedenen Welten geht es unter anderem auch um Barrierefreiheit. Es lohnt sich auf jeden Fall, darin zu stöbern. Auch Berufsschulen nutzen Minecraft Education. So nutzt eine Berufsschule das Spiel für die Elektrikerausbildung und die jungen Erwachsenen simulieren spielerisch Schaltkreise.
Raphaels Präsentation findet ihr hier zum Download.
Kontakt zu Christian und Raphael
Wenn ihr Fragen habt und euch mit Christian oder Raphael vernetzen wollt, erreicht ihr sie über LinkedIn oder über ihre Webseite:
Raphael Schrauth | LinkedIn
Fragenverhinderer Carl Christian Engelhardt Texter & Tester
Der nächste Plätzchen-Talk im Mai
Der nächste Plätzchen-Talk rund um das Thema Job und deren Bildwelten findet schon am 6. Mai von 17-18 Uhr statt. Unsere Gäste sind Leonie Theissen und Kathrin Kerschbaumer. Wie immer könnt ihr kostenfrei dabei sein über folgenden Link: Zoom zum Plätzchen-Talk Mai 2026.




