Barrierefreie Informationen als Reisegrundlage

Benjamin Suthe am 2. Juli 2026 zu Gast im Plätzchen-Talk. Sein Thema: "Barrierefreie Informationen als Reisegrundlage".

Benjamin stellte gleich zu Beginn die These auf: „Alle können ohne großes Wissen Barrierefreiheit vermarkten!“
Nun waren wir natürlich gespannt, wie wir in die Umsetzung kommen können. Bestimmt alle Teilnehmenden haben schon einmal folgende Zahlen gehört:
„Barrierefreiheit ist für 10% der Bevölkerung unentbehrlich, für 40% notwendig, aber für alle komfortabel.“

Inhaltsverzeichnis

Zahlen zur Bevölkerung in Deutschland

Aber dieser schöne Satz alleine überzeugt oft wenig und darum hat uns Benjamin ein paar Zahlen mitgebracht. Die Zahlen stammen aus einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamts vom 19. Juli 2024:
In Deutschland lebten zur Zeit der Mitteilung 7,9 Mio. schwerbehinderte Menschen. Das bedeutet eine Schwerbehindertenquote von 9,3%. Dabei waren 24,5% dieser Menschen über 64 Jahre alt.
Benjamin ergänzte, dass zusätzlich rund 3 Mio. Menschen eine leichte Behinderung haben (unter einem Grad der Behinderung (GdB) von 50).

Für Menschen mit Schwerbehinderung ist Barrierefreiheit also unentbehrlich. Aber wer sind die 40% der Bevölkerung, für die Barrierefreiheit notwendig ist? Auch diese Gruppe hat uns Benjamin nähergebracht. Es sind vor allen Dingen Senior*innen und Familien mit kleinen Kindern.

Statista gab in einer Mitteilung vom 17.12.2025 an (Senioren in Deutschland – Statistiken und Daten | Statista), dass in Deutschland rund 19 Mio. Menschen über 65 Jahren leben. Die Tendenz ist steigend, da die Lebenserwartung steigt und weniger junge Menschen geboren werden.
Benjamin bezifferte die Zahl der Familienhaushalte mit rund 12 Mio. Die Zahl geht auf den Mikrozensus von 2019 zurück (Familienhaushalte nach Zahl der Kinder | Die soziale Situation in Deutschland | bpb.de). 2,1 Mio. dieser Familien hat mindestens ein Kind unter 3 Jahren, bei 3,5 Mio. Familien gibt es mindestens ein Kind unter 6 Jahren.
Zusammengefasst macht die Gruppe der Senior*innen und Familien mit kleinen Kindern unter 6 Jahren also eine Menge von rund 24,5 Mio. Menschen aus.

Die Tagesschau meldete am 29.01.2026, dass in Deutschland 83,5 Mio. Menschen leben. Zitiert wird das Statistische Bundesamt: „Wie in allen Jahren seit der deutschen Vereinigung 1990 überstieg auch im Jahr 2025 die Zahl der Gestorbenen die Zahl der Geborenen.“
Für 30% der Bevölkerung ist Barrierefreiheit also notwendig, wenn man die Zahl der Senior*innen und Familien in Deutschland addiert. Betrachtet man nur die Menschen über 65 Jahren und Familien mit Kindern unter 6 Jahren, ist Barrierefreiheit für 20% der Bevölkerung notwendig.

Aber warum profitieren Senior*innen und junge Familien von Barrierefreiheit?

Senior*innen mit Rollator oder Familien mit Kinderwagen profitieren von Rampen natürlich genauso wie Rollstuhlfahrende. Von Ruheräumen profitieren stillende Mütter genauso wie Menschen im neurodivergenten Spektrum. Von niedrigen Trinkwasserspendern profitieren Kinder genauso wie Kleinwüchsige.

Fassen wir alle Menschen zusammen, für die Barrierefreiheit unentbehrlich oder notwendig ist, so können wir trotzdem für diese Gruppe keinen einheitlichen Standard definieren. Benjamin sagt: „NORMAL gibt es nicht, denn die Ansprüche, Erwartungen und Bedürfnisse sind unterschiedlich.“

Vielleicht gilt das aber nicht nur für diese Gruppe, sondern für alle Gäste gleichermaßen.

Die Gruppe der Menschen, für die Barrierefreiheit unentbehrlich oder notwendig ist, ist damit aber nicht klein. Nehmen wir Menschen mit Behinderung, Senior*innen und junge Familien zusammen, kommen wir auf rund 35 Mio. Menschen.

Korrekterweise möchte ich darauf hinweisen, dass die Zahl so nicht ganz korrekt ist, da die meisten Behinderungen im Alter erworben werden. Die Zahlen können also eigentlich nicht addiert werden. Das Statistische Bundesamt schreibt in einer Pressemitteilung vom 22. Juni 2022 (7,8 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland – Statistisches Bundesamt), dass 6,1 Mio. Schwerbehinderte über 55 Jahre alt sind. Die eigentliche Gruppe der Menschen „unentbehrlich oder notwendig“ liegt damit knapp unter 30 Mio. Menschen. Das bedeutet aber praktisch: Jeder 3. Mensch profitiert sicher von Barrierefreiheit. In der klassischen Familie mit Oma, Opa, Mutter, Vater und 2 Kindern sind es sicher 2 Menschen. Damit kennt eigentlich jeder einen Menschen, für den wir Barrierefreiheit schon heute umsetzen sollten.

Die angesprochenen 40% der Menschen in Deutschland, für die Barrierefreiheit notwendig ist, konnte ich nicht nachvollziehen. Ich möchte an dieser Stelle aber nicht ausschließen, dass mir bei der Prüfung der Daten ein Fehler unterlaufen ist.
Grundsätzlich haben wir aber alle jemanden in unserer Familie und im Bekanntenkreis der unmittelbar von Barrierefreiheit profitieren würde.

Wie stellen wir Informationen zur Barrierefreiheit zur Verfügung?

Benjamin zeigte uns dazu die touristische Servicekette, die der ADAC einmal grafisch als eine Art Puzzle-Kette dargestellt hat. Einfach gesagt, möchte sich ein Gast informieren, anreisen, gut unterkommen, etwas unternehmen und dann auch wieder abreisen.

Scheitert schon der erste Schritt „Informieren“, so kommt es gar nicht erst zur Buchung und einem Aufenthalt. Es ist daher sehr wichtig, diesem ersten Baustein besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Benjamin betonte immer wieder, dass wir unsere Leistung nicht selbst bewerten sollen. Darunter fallen auch Aussagen wie „Wir sind barrierefrei“ oder „Bestes Seniorenhotel“. Benjamin zeigt uns ein Foto, auf dem ein Piktogramm von einer Person im Rollstuhl durchgestrichen war. Anstatt Menschen im Rollstuhl den Zutritt zu verbieten, schlägt Benjamin eine sachliche Information vor: „10% Rampensteigung. Betreten auf eigene Gefahr.“ Andrea Halbritter wandte ein, dass auch dieses Schild schwierig sein könnte für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder geringe Deutschkenntnisse. Das ursprüngliche Piktogramm sei einfacher zu verstehen. Es wurde uns aber allen klar, was Benjamin meinte: Die Entscheidung dem Gast überlassen. Wir geben alle Informationen, so dass der Gast selbst entscheiden kann. Natürlich soll dabei immer die Gefahrensituation und die Zielgruppe berücksichtigt werden.

Gerade Gäste mit Behinderung brauchen detaillierte und verlässliche Informationen. Nur so können sie selbst entscheiden, ob sie ein Angebot wahrnehmen können oder nicht.

Benjamin nannte Zahlen aus einer Studie von Runa Reisen und der IU-Hochschule aus dem Jahr 2019. Demnach informieren sich 67% der Reisenden mit Kindern, 57% mobilitätsbeeinträchtigte Reisende und 48% der Reisenden über 65 Jahren vor ihrer Reise über die Zugänglichkeit. Ohne die benötigte Information findet keine Reise statt.

Ein ganz wichtiger Tipp von Benjamin:
Egal ob Hotel oder Tourismusanbieter: Jeder sollte Informationen auf seiner eigenen Webseite zur Verfügung stellen. Tourismusplattformen bieten oft nicht die Möglichkeit, alle Informationen zur Verfügung zu stellen. Darum ist die beste Möglichkeit, Gäste umfassend zu informieren, die eigene Webseite.

Und natürlich kann man auch vor Ort informieren. Ein Hinweis auf kostenlose Klappstühle im Museum wird von allen wahrgenommen und die Menschen sprechen darüber und empfehlen diesen Service Freunden, die davon profitieren können.

Tipps zur Darstellung von Informationen

  • Verwendet auf Fotos nur Menschen, die wirklich von einer Beeinträchtigung betroffen sind. Gestellte Fotos mit Leihrollstühlen wirken nicht authentisch und ernst gemeint.
  • Kauft keine Fotos aus dem Internet. Andere kaufen vielleicht das gleiche Bilder und so wird es in vielen Kontexten verwendet und wirkt nicht authentisch. Macht besser eigene Fotos!
  • Informationen zur Barrierefreiheit können in einer alphabetisch sortierten Liste aufgeführt werden. So trefft ihr keine Entscheidung, welche Information für welchen Gast relevant ist.
  • Lasst Betroffene selbst zu Wort kommen. Benjamin erzählte von Michael, der eine Handbike-Tour testete und von seinen Erfahrungen berichtete.

Benjamin machte uns Mut, unser Angebot zur Barrierefreiheit öffentlich zu machen. Vielleicht ist es nicht 100% barrierefrei, aber für einige Menschen wird es passen. Darum sollten wir die Bewertung immer dem Gast überlassen. Und damit dieser eine gute Entscheidung treffen kann, sollten die Informationen klar und aussagefähig sein.

Wie macht man Barrierefreiheit attraktiv?

Die wenigsten Menschen buchen eine Reise, weil sie barrierefrei ist. Sie buchen eine Reise, weil sie etwas erleben wollen, Neues entdecken. Darum verkauft einen Aufenthalt mit Emotionen. Seht andere Anbieter in der Region nicht als Konkurrenz, sondern verweist darauf, was man bei euch in der Region Tolles erleben kann!

Was nehmen wir mit?
Benjamin hat uns gezeigt, dass eine Reise bei guten Informationen beginnt. Wer seine Angebote ehrlich beschreibt, ermöglicht Gästen, selbstbestimmt zu entscheiden und genau das ist oft der erste Schritt zu mehr Teilhabe.

Vernetzt euch gerne mit Benjamin auf LinkedIn!

Für alle, die den Talk verpasst haben, steht hier noch einmal Benjamins Präsentation zur Verfügung.

Katrin steht hinter einem Stück Mauer. Ihre Arme hat sie auf der Mauer verschränkt. Sie trägt eine dunkelblaue Bluse mit Stehkragen. Sie lacht. Ihr Blick geht seitlich nach oben.

Katrin Nägele

Katrin Nägele ist Übersetzerin für Einfache und Leichte Sprache. Zusammen mit ihrem Team setzt sie sich für gut verständliche Texte am Bodensee ein.

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