Im März wurde der Plätzchen-Talk tatsächlich eine echte Gesprächsrunde. 20 Teilnehmende haben mit Susanne Baumer und Ernst Tradinik den Austausch gesucht.
Inklusive Medienarbeit mit Ernst Tradinik
Ernst kommt aus Wien und ist hier Experte im Bereich inklusive Medienarbeit. Er sucht nach Wegen, wie man Menschen mit (Lern-)Behinderung und/oder psychischer Erkrankung vor allen Dingen im Bereich Film und Fernsehen einbeziehen kann.
Als „magischen Moment“ bezeichnete er es, als er einen Herrn erleben durfte, der zum ersten Mal eine Aufnahme mit seiner eigenen Stimme hörte. Dieser Herr konnte nicht sprechen und drückte sich nur mit Lauten aus. Es war sehr deutlich zu erkennen, dass dieser Mensch nicht fasziniert von der Technik war sondern von seiner ganz eigenen Stimme. Dieser Moment hat sich Ernst so sehr eingeprägt, dass er nach Wegen gesucht hat, wie Menschen mit Lernbehinderung/Lernschwierigkeit in der Medienlandschaft präsent sein können.
Ein erstes Projekt hat Ernst zusammen mit einem Verein mit psychisch erkrankten Menschen umgesetzt. Gemeinsam haben sie 2008 einen Film über die eigenen Lebensbereiche gedreht.
Bei dem freien Fernsehsender Okto TV gestaltet Ernst mit seinem Team seit mehreren Jahren nun die Sendung „Na (Ja) genau“. Hier moderieren Menschen mit Lernschwierigkeiten die Sendung, in der vorwiegend berühmte, regionale Persönlichkeiten interviewt werden. 2023 hat „Na (Ja) genau“ den Fernsehpreis der Erwachsenenbildung gewonnen.
Ernst zeigt uns einen kurzen Ausschnitt aus der folgenden Sendung: 5. Kinogespräch mit Schauspielerin Christina Scherrer – mit deutschen UT.
Der Moderator Marcell Vala hat einen ganz eigenen Charme und es ist Ernst wichtig, dass sich niemand im Moderationsteam verändern muss. Niemand muss seine Art zu sprechen ändern. Dadurch, dass Okto TV kein kommerzieller Sender ist, unterliegt die Produktion nicht irgendwelchen „üblichen“ Normen. Die Menschen im Moderationsteam sind auch sehr unterschiedlich. So ist Marcell gerne spontan zu einem Interview bereit und führt ein Gespräch wie es gerade passt. Die Moderatorin Antonie Bögner zieht eine ausführliche Vorbereitung vor. Für alle diese unterschiedlichen Arbeitsweisen ist bei „Na (Ja) genau“ Platz.
Das Format gibt es nun seit 4 Jahren und man sieht auch an der Verleihung des Fernsehpreises, dass die Sendung gut ankommt. Obwohl sie regelmäßig drehen, wird das Projekt nur ehrenamtlich umgesetzt. Alle Teammitglieder mit Lernschwierigkeiten sind in einer festen Tagesstruktur eingebunden. Ernst ist aber der festen Überzeugung, dass eine bezahlte und dauerhafte Einbindung von Menschen mit Lernschwierigkeiten im Bereich Fernsehen möglich ist. Man müsste die Arbeit allerdings anders aufziehen.
Wer mehr über die inklusive Medienarbeit wissen will, den verweise ich gerne auf das Buch von Ernst:
„Inklusive Medienarbeit“ – Buch von Ernst Tradinik (beispielsweise bei Thalia).
„Aktiv-Werden statt Mit-Fühlen“ mit Susanne Baumer
Susanne Baumer war lange Zeit Mitarbeiterin bei der Stiftung Pfennigparade. Sie kennt viele Wege, wie wir heute versuchen, mehr Barrierefreiheit umzusetzen:
- Es gibt Kurse und Workshops, in denen Wissen über Barrierefreiheit vermittelt wird.
- Immer wieder nennen wir Hinweise auf Zahlen und Fakten, wie groß die Zielgruppe der Personen ist, die Barrierefreiheit brauchen.
- Es werden Übungen angeboten, um selbst zu „erleben“ wie sich eine Behinderung anfühlt.
- Wir verweisen auf Gesetze und dass Barrierefreiheit von vielen Anbietern umgesetzt werden muss.
Aber helfen diese Wege wirklich, dass eine Veränderung stattfindet? Susanne hört oft die Antwort: „Das Thema ist wirklich wichtig. Das mache ich, wenn …“ Und dann kommt meistens nichts.
Barrierefreiheit hat Susannes Meinung nach ein schlechtes Image. Barrierefreiheit klingt für viele nach Spaßverderber wohingegen nicht-barrierefrei vermittelt wird wie eine wilde Party. Wie können wir dieses Image ändern?
Susanne ist überzeugt, dass Menschen am besten von Menschen lernen. In einem Workshop hat sie Entscheidungsträger mit Menschen mit Behinderung zusammengebracht. Sie sollten gemeinsam eine Aufgabe lösen und hatten dafür 90 Minuten Zeit. Natürlich war Susanne bewusst, dass die Aufgabe schon nach 30 Minuten erledigt sein wird. Und die restlichen 60 Minuten? In dieser Zeit sind die Menschen zwanglos ins Gespräch gekommen und es haben sich Beziehungen aufgebaut. Dadurch wird Barrierefreiheit ein persönliches Anliegen, weil man nun einen Grund hat, diese wirklich umzusetzen. Aber dieser Ansatz kann nicht für viele Menschen umgesetzt werden. Was könnte noch zu mehr Taten führen?
Susanne wünscht sich, dass wir mehr Geschichten erzählen. Geschichten, in denen Barrierefreiheit zum Erfolg geführt hat. Zum Beispiel eine Geschichte von einem Software-Entwickler, der sich die Hand gebrochen hat. Aber weil Barrierefreiheit von Anfang an mitgedacht wurde, konnte der Entwickler seine Arbeit auch mit nur einer Hand erfolgreich beenden.
Susanne wünscht sich mehr Geschichten von positiven Vorbilder auf Seiten derer, die Webseiten oder Anwendungen entwickeln. Wenn wir die Menschen, die sich für Barrierefreiheit einsetzen, als Helden feiern würden, würden viel mehr Menschen ihnen nacheifern.
Wir sind gut in die Diskussion gekommen. Lisa Sophie betonte, wie wichtig gemeinsame Gespräche sind, denn nur so können wir Berührungsängste verlieren. Steve sieht Barrierefreiheit als Entwicklungsprozess, den wir gemeinsam jeden Tag ein Stück voranbringen. Denn Barrierefreiheit hilft allen.
Es war diesmal ein echter Talk mit spannenden Inputs von Ernst und Susanne, bei denen ich mich an dieser Stelle auch noch einmal ganz herzlich bedanken möchte.
Der nächste Plätzchen-Talk findet am 16. April um 17 Uhr statt. Steve und ich freuen uns wie immer auf euch. Den Link zum Talk findet ihr über meinen Terminkalender.




