Weihnachtsgeschichten in Einfacher Sprache
Mit Plätzchen, Punsch, Tee und Kaffee sind wir am 3. Dezember mit Geschichten in Einfacher Sprache in die Adventszeit eingestiegen.
Gastgeber war wieder das Café City des Gemeindepsychiatrische Zentrums (GPZ) in Friedrichshafen. Und ich kann es nicht oft genug sagen wie wunderbar ich diese Zusammenarbeit finde. Schon 2024 haben wir uns überlegt, dass Lesen alleine in Zeiten von TikTok und Netflix kaum noch Leute zu einer Veranstaltung lockt. Aber was wäre, wenn wir im Café passend zur Lesung eine Kleinigkeit anbieten würden? Die Küche unterstützt unser Leseangebot immer unglaublich engagiert und das macht mir einfach sehr viel Freude.
Und was wären Geschichten in Einfacher Sprache ohne die Unterstützung des Medienhaus am See? Wie schon im letzten Jahr gab es dieses Mal wieder einen Büchertisch. So können die Zuhörenden sich über das breite Angebot an Büchern in Einfacher Sprache informieren und diese im Medienhaus ausleihen. Es gibt mittlerweile zahlreiche Bestseller, die auch in Einfacher Sprache zur Verfügung stehen. Dadurch können sich alle Menschen unabhängig von ihrer Lesekompetenz über die Geschichten austauschen. Für die Unterstützung des Medienhauses bin ich sehr dankbar da es zeigt, dass es Bücher für wirklich jeden Menschen gibt.
Der aibo Verlag (aibo – Literatur in einfacher Sprache für alle zugänglich) hat uns dieses Jahr sein Buch „Die schönsten Weihnachtsgeschichten, die du noch nicht kennst“ kostenlos zur Verfügung gestellt. Gelesen habe ich daraus „Das Geschenk der Weisen“ und „Die verräterische Kachel“. Und auch, wenn man denken könnte, dass Lesen heute niemanden bewegt, passiert doch Erstaunliches.

Eine Geschichte bietet Platz für alle
Bevor ich mit der Lesung beginne, finde ich es immer spannend zu beobachten, wer sich wo seinen Platz sucht.
Einige sitzen ganz vorne. Vielleicht weil sie so besser zuhören können? Weil sie gerne die Person sehen, die ihnen vorliest? Und ja, ein paar Menschen sind auch da, weil sie mich unterstützen und haben sich deshalb zu mir nach vorne gesetzt. Ich danke euch!
Andere sitzen eher hinten. Einige sind als Gruppe gekommen und manchmal muss man sich ja doch noch austauschen. Das stört weiter hinten natürlich nicht so. Einige sitzen auch weiter hinten, weil sie für sich bleiben wollen. Vielleicht reicht die Zeit auch nur für eine Geschichte. Dann kann man einfacher gehen, ohne dass es die Lesung unterbricht. Ich freue mich über jeden, der kommt.
Und einige sind da und machen Handarbeiten. Sei es Diamond Painting oder sie stricken. Das finde ich besonders charmant. Es zeigt auch, dass das Café City ein Wohlfühlort ist, in dem jeder sein darf wie er/sie ist.
Was die Lesung besonders macht
Ich baue immer Pausen während der Lesung ein. Damit man sich noch einmal einen Punsch holen kann. Oder auf dem Büchertisch stöbern kann. Vielleicht hat man sich bisher nicht in das Medienhaus getraut, weil man dachte, dass man nicht gut genug lesen kann. Aber beim Büchertisch kann man ja mal schauen. Und dann stellt man fest, dass die Kollegin vom Medienhaus ein ganz netter Mensch ist. Und wenn man schon die nette Dame kennengelernt hat und dann noch sieht, dass es wirklich einfach zu lesende Bücher gibt, dann kann man sich vielleicht doch einmal ins Medienhaus trauen. Die Lesung in Einfacher Sprache macht Mut.
Und wir kommen ins Gespräch. So erzählt mir zum Beispiel eine Dame, dass sie mir auch unbedingt von ihrer liebsten Weihnachtsgeschichte erzählen möchte. Und ich lerne so eine Weihnachtsgeschichte kennen, die ich wirklich noch nie gehört habe. Über das Lesen ergeben sich Gespräche.
Und eine andere Dame freut sich, weil ich für sie so „schön vorlese“. Sie kann sich dabei so gut entspanne. Vorlesen schenkt Ruhe und Entspannung. Und über das Lob freue ich mich natürlich. Denn es steckt einiges an Arbeit in so einer Lesung.

Wie ich eine Lesung vorbereite
Ich sichte mögliche Themen und Bücher in Einfacher Sprache. Mein Ziel ist es, mindestens zwei Bücher zu finden, die thematisch gut zusammenpassen, damit wir ein Motto für den Leseabend finden. Und natürlich muss uns für die Küche ein cooles Gericht einfallen.
Bei den Büchern in Einfacher Sprache lese ich probe. Denn nicht jede Übersetzung gefällt mir. Wieso Übersetzung? Wenn ein Standardbuch in Einfache Sprache übertragen wird, spricht man in der Regel von einer Übersetzung. Dabei entspricht das nicht einer Übersetzung wie beispielsweise vom Englischen ins Deutsche. Hier wird jeder Satz übersetzt und natürlich geschaut, dass er in der deutschen Sprache auch noch sinngemäß funktioniert.
Bei einer Übersetzung in Einfache Sprache wird aber zusätzlich berücksichtigt, dass die Lesenden geringere Lesekompetenzen haben. Die wesentlichen Elemente der Geschichte bleiben also erhalten. Lange Abhandlungen über die Sonnenstrahlen, die auf diverse Arten durch das Fenster fallen, werden allerdings gekürzt oder gestrichen.
Und dann ist es wie bei jeder Übersetzung: Wie gut der Text wird, liegt am Übersetzer/an der Übersetzerin.
Ein vereinfachtes Beispiel
Original: Lukas öffnete die Tür, schaute hinaus, nach rechts, nach links, schloss die Tür wieder und schüttelte verdutzt den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein!
Übersetzung 1: Lukas öffnete die Tür. Er schaute hinaus. Er sah nach rechts. Dann sah er nach links. Luks schloss die Tür wieder und schüttelte verdutzt den Kopf. Das konnte doch nicht wahr sein!
Übersetzung 2: Lukas öffnete die Tür. Er schaute vor der Tür herum, dann schloss er die Tür wieder. Verdutzt schüttelte er den Kopf: Das konnte doch nicht wahr sein!
Je nach Übersetzung dauert das „vor der Tür schauen“ länger oder kürzer und nimmt der Geschichte damit an Tempo.
Darum ist das Probelesen so wichtig. Liest sich die Geschichte in Einfacher Sprache noch gut?
Habe ich meine Bücher gefunden wähle ich passende Textpassagen und bearbeite diese: Muss ich Wörter erklären? Muss ich eventuell eine Passage auslassen, weil uns der Bezug zur vorherigen Handlung fehlt? Oder muss ich vor der Lesung in die Passage einführen und Hintergrundinformationen geben?
Steht mein Textabschnitt oder die Geschichte, dann geht es ans eigentliche Lesen: Ich markiere mir, wo ich Pausen mache. Ich lege fest, welche Person welche Stimme bekommt. Beim Lesen üben merke ich auch, wo ich vielleicht leiser werden muss. Vielleicht, weil es gerade ganz spannend oder traurig ist. Und da das GPZ mir ein Mikrofon zur Verfügung stellt, wird meine leise Stimme auch in der hintersten Ecke für alle doch noch zur hören sein.
Und erst dann, wenn ich die Geschichte mehrmals gelesen habe und alles passt, dann erst ist die Geschichte bereit, vorgelesen zu werden.

Rückblick auf die Leseabende in Einfacher Sprache 2024
2024 haben wir einen Lesenachmittag zum Thema „Liebe“ im Oktober und einen zum Thema „Krimi“ im November gemacht.
Im Oktober habe ich aus „Das Rosie-Projekt“ von Graeme Simsion (unbedingte Leseempfehlung) und aus „Vollidiot“ von Tommy Jaud vorgelesen. Und weil es in den ausgesuchten Passagen um jeweils ein romantisches Essen mit Nudeln ging, gab es im Café City passend Lasagne. An Spaghetti wie bei „Susi und Strolchi“ haben wir uns dann doch nicht getraut!
Und als ich im November aus Rita Falks „Winterkartoffelknödelblues“ vorgelesen habe, gab es natürlich Knödel zur Lesung. Abgeschlossen habe ich den Leseabend mit einer Passage aus „Das blaue Band“ von Arthur Conan Doyle.
2024 hat uns der Spaß am Lesen Verlag (Zur Startseite des Spaß am Lesen Verlags) unterstützt und unseren Lesetisch auch mit Leseproben aus seinem Programm bereichert. Noch einmal vielen Dank dafür.
Gemeinsam mit GPZ, dem Medienhaus am See und mir sind wir so 2024 in die Lesenachmittage in Einfacher Sprache gestartet.
Mir war es wichtig, Einfache Sprache bekannter zu machen und Lust aufs Lesen zu machen.
Lesen kann für viele Menschen schwierig sein: Leseschwäche, Lesen in der Schule aus unterschiedlichen Gründen nicht richtig gelernt, die deutsche Sprache wird noch gelernt, Konzentrationsschwäche z. B. nach Burnout und weitere.
Es gibt viele Gründe, warum Lesen schwierig sein kann. Und darum ist es so wunderbar, dass es viele gute Bücher in einer einfachen Version gibt. So können unterschiedliche Menschen sich gemeinsam für die Geschichte begeistern und ins Gespräch kommen.
Und nur wenn wir miteinander reden, merken wir bei all unseren Unterschieden, dass wir auch vieles gemeinsam haben. Zum Beispiel die Liebe zu einem Buch.
Warum liest du nicht in Leichter Sprache?
Die Lesungen in Einfacher Sprache sprechen ein breiteres Publikum an. Die Zuhörenden haben keine kognitiven Einschränkungen. Ihnen fällt teils das Lesen an sich schwer oder sie lernen gerade die deutsche Sprache. Einfache Sprache bietet hier die Möglichkeit, eine Brücke zu bauen und ins Gespräch zu kommen.
Nichts spricht gegen Leseabende in Leichter Sprache. Hier müsste ich im Vorfeld allerdings mit allen Interessierten klären, was ihnen beim Vorlesen guttun würde:
- Welche Themen interessieren sie besonders? Was soll vorgelesen werden?
- Können sie die Geschichte mit Bildern besser verstehen? Welche Bilder wären geeignet?
- Muss die Geschichte in kurzen Abschnitten vorgelesen und besprochen werden?
Die Zielgruppe der Leichten Sprache ist sehr vielfältig und die Bedürfnisse sehr unterschiedlich. Darum würde ich einen solchen Leseabend nur in Absprache mit den Interessierten machen, damit der Text möglichst gut zur Gruppe passt.




